Die Tarantel (oder „Taranta“) ist eine giftige, ziemlich große Spinne, die sich zwischen den Schluchten und den Verwerfungen des Bodens und der Gesteine versteckt und Personen “beißt” (oder besser “sticht”): daher kommt der Name eines sehr alten typischen Tanzes aus dem Salent, der laut Tradition die Leute heilen sollte, die von der Tarantel gebissen wurden.
Man kann behaupten, daß die Tanzwut ein kulturelles Leiden darstellte: die Leute, die darunter litten, waren Männer und Frauen, die an der Gesellschaftsgrenze lebten. Diese fanden im Tanz die einzige Möglichkeit, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken bzw. um die Frustrationen des Lebens herauszulassen. Man dachte, daß die Tanzwut durch eine Art von Volksexorzismus ausgelöst werden konnte. Seit dem Mittelalter pilgerten Männer und Frauen, die dachten, dass sie von der Tarantula gebissen worden waren, am 29. Juni jedes Jahres zum Brunnen in der Nähe der Kirche San Paolo in Galatina (er war der Heilige der Armen und der Beschützer von Schlangen, Skorpionen und Spinnen). Hier wurden sie endlich durch Musik und Tanz von den Wirkungen des Spinnengifts (der Exorzismus konnte auch zu Hause stattfinden, wenn die Leidenden nicht mehr die Kraft besaßen, zur Kirche zu gehen) befreit.
Während des Rituals benutzte man gefärbte Bändchen („Zagarelle“ genannt), womit die Handgelenke gefesselt wurden. Beim Hören einer bestimmten Musik - die „Pizzica“ - begannen die Leidenden wild und außer sich um den Brunnen zu tanzen. Das Brunnenwasser wurde als reinigend angesehen. Die Musik wurde von einer Musikkappelle mit Gitarre, Mandoline, Violine und vor allem mit dem typischen Tamburin gespielt.
Nach einer Untersuchung waren die meisten von der Tarantel gestochenen Personen Frauen und der Zeitraum, in dem man öfters als sonst gestochen wurde, war die Erntezeit im Sommer. In der Vergangenheit erklärte man dieses Phänomen dadurch, daß Männer den Weizen mit der Sichel mähten, während Frauen die auf den Boden gefallenen Ähren aufsammelten und dabei am meisten dem Spinnenbiß ausgesetzt waren.
Heutzutage erklärt man es durch die Lebensbedingungen der Frauen: sie waren immer zu Hause und gehörten zu einem in allen Bereichen – vor allem im geschlechtlichen Bereich - eingeschränkten Gesellschaftsniveau. Sie waren Ausgestoßene unter Ausgestoßenen, Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft von Bauern, die sie dazu zwang, eine untergeordnete und geringe Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Deshalb konnten sie dank der Extstase des Spinnengiftes alles tun, was sie wollten: sie konnten sogar dem Publikum den Geschlechtsakt mimisch darstellen.
Das Phänomen der Tanzwut besitzt heute nicht mehr die ursprüngliche Ausdruckskraft, da ihre psychologischen, gesellschaftlichen, kulturellen, oköno-mischen und religiösen Grundbestandteile heute ganz anders sind. Auf jeden Fall übt der Tanz und die Musik noch immer einen großen Zauber aus: Tausende Menschen fahren im Sommer zu den Dörfern im Salent, wo diesem Ritual gewidmete Veranstaltungen stattfinden. Die berühmteste dieser Veranstaltungen ist die "Notte della Taranta" (Nacht der Tanzwut), die seit ein paar Jahren am 25. August in Melpignano, neben dem Kloster der Augustiner, stattfindet.
Die Idee für dieses Festival geht auf das Jahr 1988 zurück, als man sich dazu entschloss, ein großes Volksmusiksfest in der Umgebung der „Grecìa Salentina“ zu organisieren. Heutzutage ist die Nacht der Tanzwut weltweit berühmt: viele bekannte Musiker, die zusammen mit örtlichen Musikern an dem Festival teilnehmen, beleben einen wunderbaren, jahrhundertelangen Brauch.
NICHT NUR IM SALENT ...
Neben einer exorzistischen Form des Tanzes gibt es seit dem 18. Jahrhundert auch Zeugnisse einer ludischen und werbenden Tanzes. Die Tarantella wurde der Tanz des Königreiches von Neapel, d.h. des gesamten Südens.
Es handelt sich dabei nicht um eine homogene und kompakte Tanzform, sondern um eine ganze Familie von regional unterschiedlichen Tänzen, die charakteristische Gemeinsamkeiten aufweisen. Dazu gehören die verschiedenen Tammuriate („Tanz auf der Trommel“), die irpinische Tarantella, die Tarantella des Gargano, die Pizzica des Salento, die Villanedda aus Kalabrien sowie die sizilianischen Tarantelle und Quadriglie Die Tarantella ist kein ethnischer Tanz, sie weist also keine morphologische oder geographische Homogenität auf. Sie ist vielmehr eine große Familie unterschiedlicher Tänze, die charakteristische Gemeinsamkeiten haben.